Memoiren

Der Ausdruck Memoiren (Pluraletantum; v. franz. memoire „schriftliche Darlegung, Denkschrift“ aus lat. memoria „Gedächtnis“) bezeichnet Denkwürdigkeiten oder Aufzeichnungen von selbsterlebten Begebenheiten.

 

Ich bin Christopher Palm, 26 Jahre, ledig (noch zu haben :-) ), gelernter Industriekaufmann und habe nach der Lehre ein Studium im Sozialwesen begonnen. Durch meine Krankheit wohne ich seit Herbst 2006 wieder zuhause in Salzgitter-Bad, nachdem ich während meines Studiums eine eigene Wohnung im Studentenwohnheim in Braunschweig hatte. Mein größtes Hobby ist das Musizieren. Ich spiele Schlagzeug, ein bissel Gitarre und Mundharmonika. Ansonsten lese ich, gehe abends gerne mal weg oder bin, nun oftmals mit dem Fahrrad, in der freien Natur wieder zu finden.

 

Krankheitsverlauf:

(vom angeblich verstauchten Fuss zur Leukämie)

Ich möchte hier gerne versuchen etwas mit Worten zu beschreiben, was eigentlich mit Worten nicht zu beschreiben ist. Ich tue dies, um mir diese intensiven Erlebnisse von der Seele zu schreiben, sie besser verarbeiten und mich besser erinnern zu können und um Anderen eine Möglichkeit zu bieten einen ungefähren Einblick darin zu bekommen. Ich selbst habe mich mit Beginn meiner Krankheit erst sehr gestreubt, Erfahrungsberichte zu lesen. Dann erkannte ich aber dass es gut war sie doch zu lesen, um zu wissen was alles auf mich zu kommen könnte, aber immer mit dem Hintergedanken dass jeder Krankheitsverlauf anders ist und nichts so kommen muss wie dort aufgeführt...Diese Berichte wirkten oft abschreckend auf mich, da Sie meistens sehr lang und mit vielen schrecklichen Ereignissen verbunden sind. Meiner hat sich nach ca. 3 Jahren Kampf gegen den Krebs auch dahingehend entwickelt... Jetzt, wo ich vieles hinter mir habe denke ich, auch wenn es schwer fällt, muss man sich immer wieder vor Augen führen, es ist zu schaffen, andere haben es auch geschafft, immer mit der Hoffnung irgendwann wieder ein annähernd normales und gesundes Leben führen zu können!

 

Nach dem 1. Semester in den Semesterferien machte ich ein Praktikum und besuchte von der Praktikumsstelle aus ein Seminar auf der Insel Norderney. Kurz vor Reiseantritt bemerkte ich einen starken Schmerz im rechten Fuß. Ich dachte mir nichts dabei und war der Meinung, dass ich vielleicht umgeknickt sei. Ich fuhr trotzdem mit auf Norderney doch die Schmerzen wurden immer stärker und stärker. Ich bekam Krücken doch das half nichts. Dann beim Telefonat mit meiner Mutter kamen wir darauf, dass unsere Familie eine genetische Thromboseanfälligkeit besitzt. Wieder zurück in Salzgitter kam ich sofort ins Krankenhaus wo tatsächlich eine Thrombose in der rechten Wade festgestellt wurde. Um diese Diagnose stellen zu können musste ein großes Blutbild gemacht werden. Dabei kam heraus, dass etwas mit meinen Leukozyten nicht in Ordnung war. Sie waren in viel zu großer Anzahl vorhanden (80.000). Ich wurde mit Verdacht auf Leukämie schnellstens nach Braunschweig in das Onkologische Klinikum Celler Straße gebracht wo eine Knochenmarkpunktion am 28.02.2005 eine Akute lymphatische Leukämie mit Philadelphia Chromosom bestätigte. Zudem hatten sich Blutgerinnsel von der Thrombose entfernt und sich zu einer Lungenembolie entwickelt. Ich durfte nicht mehr aus dem Bett und war im Grunde daran gefesselt.

Der Schock war bei der Diagnose groß, ich wusste erst gar nichts mit dieser Krankheit anzufangen und hatte noch nie so richtig etwas darüber gehört. Mir war von Anfang an klar: „Nun muss ich kämpfen“! Armbänder die eine große Bedeutung für mich hatten, habe ich wegen der Hygiene abgeschnitten und nach einiger Zeit kamen meine langen Haare ab, aber das war plötzlich alles egal. Ich stand mit dem Rücken zur Wand, alle Aktivitäten und Vorhaben musste ich streichen und für mich zählte nur noch eins: “Ich will wieder gesund werden, ich bin noch zu jung um zu sterben“!!!

Die erste Woche war eine Katastrophe. Die Maschinen die an mich angeschlossen wurden, Fragen die ich beantworten musste, Entscheidungen, Unterschriften mit denen ich Gesundheitsschäden oder vielleicht sogar den Tod in Kauf nehmen musste, ein Anruf nach dem Anderen und schlaflose Nächte. Jeden Tag Untersuchungen wegen der lebensbedrohlichen Lungenembolie und immer wieder mit der Hoffnung das die Embolie und die akute Lebensgefahr endlich vorüber war und ich wieder aufstehen darf. Da ich in der ersten Zeit eine kämpferische Einstellung, ein hervorragendes familiäres Umfeld was mich mit allem versorgte und ich von der Leukämie und von der Chemotherapie noch wenige Symptome hatte, konnte ich diese ganzen Sachen noch abfedern. Ich machte viele Sachen die mir Spaß machen. Ich las, hörte Musik, bekam viele nette Besuche, hörte Hörspiele und machte sogar Musik. Ich spielte Gitarre, schrieb Songs, spielte Mundharmonika was die Krankenschwestern und die Mitpatienten sehr freute und was dort noch nie vorgekommen war. Diese positive Stimmung, die ich mir aufbaute, war für mich total wichtig, um die schmerzhaften und Angst erregenden Lymbal-\ Knochenmarkpunktionen die immer wieder anfielen zu ertragen.

Ich konnte bald wieder anfangen zu laufen, nachdem die Embolie überwunden war. Die Fortschritte waren sichtbar und ich konnte nun bei schönem Wetter auch mal raus an die frische Luft. Das gab Mut wieder dort hin zu kommen wo ich einmal war. Ich war froh ein so gutes Umfeld von Familie und Freunde zu haben, die mich aufmunterten und mich täglich besuchten, so hatte ich immer Abwechslung, konnte sogar auch mal das Krankenhausgelände verlassen um ein Eis essen zu gehen. Doch die Chemotherapien wurden immer stärker. Ich bekam immer weniger Appetit und wurde immer schwächer. Die Lust mich zu bewegen wurde immer geringer und mein Schlaf Rhythmus geriet immer mehr außer Kontrolle. Die Tage wurden immer anstrengender, ich konnte nicht mehr lesen oder Musik machen, das Essen wurde zur Qual. Ich aß mit Widerwillen und nur um nicht noch mehr an Kraft zu verlieren. Ich musste am Tag wach sein wegen der Untersuchungen, ich durfte und konnte bei all dem was im Krankenhaus los war nicht tagsüber schlafen. Alles was ich tat diente nur noch dem Überleben. Ich versuchte mich viel zu bewegen, irrte sinnlos auf den Fluren hin und her, immer mit den Maschinen zusammen die oft bei Bewegung anfingen zu piepen. Ich versuchte mich mit Gesprächen mit anderen Patienten, denen es genauso schlecht ging, am Leben festzuklammern. Nicht immer mit Erfolg, denn auch das war nicht immer sehr erbauend.  Zum Glück wurde ich von meiner Familie und den Krankenschwester angetrieben, teilweise sogar angeschrien, tagsüber etwas zu tun, um nachts müde zu sein, doch auch das half bald nichts mehr. Ich fand keinen Schlaf mehr. Selbst unter Schlaftabletten nicht. Nichts machte mehr Spaß, ich war innerlich total leer, fühlte nichts mehr, merkte keinen Fortschritt und versuchte auf irgendeine Weise zu entspannen. Mein Körper war einer dermaßen inneren Unruhe ausgesetzt, dass ich selbst mit Entspannungsübungen nichts dagegen unternehmen konnte. Jeden Tag Fieber auf das jeden Abend eine anstregende Röntgenaufnahme folgte um einer lebensbedrohlichen Lungenentzündung vorzubeugen. Jeden Tag musste ich Proben abliefern und hatte etliche Blutentnahmen, die aufgrund der zerstochenen Arme immer schwieriger wurden. Selbst die normalsten Körperfunktionen wie der Toilettengang waren keine Selbstverständlichkeit mehr. Mein einziges Ziel war den Tag herum zu bekommen, die Verzweiflung los zu werden, endlich mal wieder schlafen zu können, endlich wieder Freude am Essen zu haben und das endlich der Tag kommen würde, an dem alles wieder besser ist. Doch das wiederholte sich von Tag zu Tag. Ich verkrampfte, bekam dazu noch Rückenschmerzen und große Probleme mit meinem Ischiasnerv. Jede Bewegung, jede Sitzlage verursachte Schmerzen. Ich war hilflos, hoffnungslos, gefangen im Krankenhaus, dem Nervenzusammenbruch sehr nahe. Ich war dermaßen am Ende, sogar Selbstmordgedanken kamen hier und da auf, was ich bei mir nie für möglich gehalten hätte. Später erfuhr ich von anderen Leukämiepatienten dass so ziemlich jeder solchen Gedanken ausgesetzt ist. Ich fühlte mich missverstanden, wollte nicht mehr telefonieren. Doch wer sollte mich auch verstehen. Niemand der das nicht selbst durchgemacht hat kann so etwas nachvollziehen, nicht im Geringsten!!!

Ich setzte mir Ziele, sagte mir bis zur nächsten Punktion schaffst du es noch, in der Hoffnung dass die Werte endlich stimmen und ich Reif für die Transplantation bin. Nach der Punktion sagte ich mir: “Jetzt habe ich es bis hier geschafft, dann schaffe ich das auch noch weiter“! So kam es dass ich mit den Schlaftabletten langsam wieder etwas schlaf fand und die Tage wieder etwas besser wurden. Es kam nicht von einem Tag auf den Anderen aber es kam. Außerdem bekam ich durch die Nachricht, dass ich bald bereit bin für eine Fremdspendertransplantation wieder zusätzliche Motivation.

Dann ein erneuter Rückschlag. Kurz bevor ich entlassen wurde bekam ich ein Nierenversagen, hervorgerufen durch die Chemotherapie. So hieß es wieder abwarten. Tag für Tag wurde ich teilweise mit bis zu Zwölf Litern durchgespült das mir schlecht und schwindelig wurde. Und jeden Tag gab es nur eine wichtige Frage: „Wie ist der Nierenwert heute“? Nach zwei langen Wochen und insgesamt 3 Monaten Krankenhausaufenthalt war es dann endlich soweit, ich durfte raus und für zwei Wochen nach Hause. Leider auch nicht sehr zum genießen denn auf Grund der Tabletten war mir jeden Tag schlecht und der Appetit immer noch gering.

Dann kam ich nach Hannover in die Medizinische Hochschule zur Transplantation, ich dachte immer nur: „Hätte ich das bloß schon hinter mir“! Die erste Woche war sehr hart, ich wurde mit einer Hochdosis Chemotherapie und mit einer dreimal täglichen Ganzkörperbestrahlung auf die Transplantation vorbereitet. In dieser Woche bekam ich einen Schüttelfrost über 10 Minuten, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Daraus resultierte eine Woche lang schwerster Muskelkater am ganzen Körper. Die Transplantation verlief gut, keine Komplikationen. Ich hatte erstmals einen Zimmernachbarn, mit dem ich mich austauschen konnte und einen Venenkatheter, sodass ich nicht alle 3 Tage eine neue Bronüle gelegt bekam. Nun konnte man sich auch mal frei im Zimmer bewegen, da wir eine 5 Meter lange Verbindungsschnur zu den Maschinen hatten. Da man nach Transplantation die ersten Tage kein Immunsystem hat, ist dies auch die gefährlichste Zeit. Wir warteten jeden Tag darauf dass unsere Leukozyten (Abwehrzellen) wieder produziert wurden und der Körper damit begann, unseren von der Chemotherapie total kaputten Mund zu heilen. Wir wurden in dieser Zeit künstlich ernährt, essen war nicht möglich. Tägliche Besuche oder Sportsendungen im Fernsehen vertrieben unsere Zeit. Wir hatten aber auch Anweisungen bestimmte Aufgaben zu erfüllen. Wir mussten beispielsweise Atemübungen machen, inhalieren, den Fitnesstrainer benutzen um keine Lungenentzündungen zu bekommen. Wir mussten bestimmte Urin Proben abgeben und wurden jeden morgen um 5 Uhr geweckt um die Blutproben aus dem Venenkatheter abgezapft zu bekommen. Alles konnte man gar nicht schaffen, und manchmal fehlte auch einfach mal die Lust, es war sehr schwer sich immer wieder zu motivieren und man verzweifelte wenn man nicht alles schaffte. Nach 3 harten Wochen ohne Essen wurde die künstliche Ernährung langsam reduziert und jeden Tag wurde man aufgefordert selbst zu essen. Für mich die schwierigste Zeit nach der Transplantation. Der Mund war noch nicht verheilt und ich hatte gar keinen Appetit, mir war dauernd übel und ich wusste, bevor ich nichts esse werde ich das Krankenhaus nicht verlassen können. Ich versuchte mindestens eine Woche wieder anzufangen zu essen. Jedes mal verschob ich das Essen von einem Tag auf den Anderen. Oftmals musste ich mich auch übergeben beim Versuch etwas zu essen. Ich befand mich in einer Zwickmühle. Als es dann wieder einigermaßen ging durfte ich nach 5 Wochen Krankenhausaufenthalt wieder raus. Ich war aber immer noch sehr schlapp, hatte viel weniger Kraft als nach den Chemophasen zuvor in Braunschweig. Es kamen 3 weitere harte Monate wo das Essen immer noch total schwierig und mir jeden Tag übel war. Ich war oft kraftlos und konnte wenig machen. In diesen 3 Monaten musste ich mehrmals wegen Fieber ins Krankenhaus und hatte eine sehr schmerzhafte Mittelohrentzündung.

Ich bekam wieder einen Rückschlag da im November 2005 festgestellt wurde, dass trotz der Transplantation die Leukämie wieder zurückkam. Von Dezember an werde ich nun in einer Studie mit einem noch nicht zugelassenen Medikament in Frankfurt behandelt. Seit ich dort bin verläuft meine Krankheit positiver.

Ich las seitdem viel und lernte gesundheitsfördernde Einstellungen zu entwickeln und mit meinen Erlebnissen umzugehen. Ich fand sogar einen Krankheitsgewinn und betrachtete die Krankheit noch mehr von der positiven Seite. Ich merkte, dass sich vieles nur im Kopf abspielte, und gar nicht so sehr auf der physischen Seite.

Im Februar 2006 machte ich eine einmonatige Rehabilitation in der Katharinenhöhe im Schwarzwald, die meinen nun gewonnenen ganzheitlichen Ansatz vertrat. Diese Rehabilitationsklinik arbeitet mit jungen Erwachsenen in verschiedenen Altersstufen, wir machten Ausflüge, viel Sport wie z.B. Fitness, Skilanglauf, Ski Abfahrt und schwimmen. Des Weiteren wurden Einzel- und Gruppengespräche durchgeführt und jeder auf seine persönliche Weise therapiert. Wir hatten die Möglichkeit uns auszutauschen, wir konnten erfahren wie jeder mit seiner Krankheit umgeht und dass wir nicht allein in unserem Alter mit Krebs dastehen.

Mittlerweile hat mein Studium wieder angefangen, ich versuche wenigstens 3-4 Vorlesungen mitzumachen, doch es fällt mir schwer mich wieder zu konzentrieren. Oft bin ich noch müde, meine Haut hat Ausschläge und spannt noch ziemlich. Meine Verdauung funktioniert noch nicht richtig und mein HB liegt immer noch bei 10, sodass meine Kondition immer noch sehr zu wünschen übrig lässt. Der Weg zum Diplom oder zurück in die Berufstätigkeit scheint unglaublich weit zu sein und kaum erreichbar. Ich wohne wieder alleine in Braunschweig und versuche mich selbst zu versorgen. Ich finde es schwierig, sich sozial wieder einzugliedern da mir meine Krankheit nicht angesehen wird. Meist wird man behandelt als sei nichts gewesen. Andererseits will man auch nicht in Watte gewickelt werden. Abends spät weggehen fällt mir oft schwer. Generell überall mithalten zu wollen ist oft eine Belastung.

Doch wenn ich das mit dem Vergleiche was ich letztes Jahr durchgemacht habe, kann ich sagen: “Es geht mir gut“. Ich freue mich über jeden Tag, an dem die Sonne scheint, an dem ich mich frei bewegen kann, die schönen Düfte rieche, mit Lust esse und auch das essen kann was ich möchte. Mittlerweile habe ich während dieser Zeit in meinem Bekanntenkreis drei Menschen verloren, die den Krebs nicht überstanden haben. Mein Zimmergenosse Marcel Seifert während der Transplantation, mit dem ich gemeinsam die Transplantationszeit überstand verstarb kurz nach seiner Entlassung. Meine Großtante war an Lungenkrebs erkrankt und starb im März 2006. Meine Nachbarin Melanie Jahnke, auch an Leukämie erkrankt und mit mir gemeinsam im Krankenhaus in Braunschweig während der Chemophasen, bekam im Januar 2006 ein Rezidiv und starb nach versuchter Transplantation im April 2006. Es war wirklich schön und eine große Hilfe für mich, so großartige Mitpatienten mit soviel Mut zu haben, ihnen gilt mein größter Respekt und Anerkennung und ich trauer noch heute um sie!

Somit bin ich froh, dass mir ein Leben nach der Leukämie zuteil wird, auch wenn es eingeschränkt ist, es lohnt sich nach der Krankheit weiter zu leben !!! Die drei hätten auch alles dafür gegeben, sie haben dafür gekämpft, weiterleben zu dürfen. Warum sie es nicht geschafft haben kann niemand beantworten.

Ich bin immer nur zu einem Schluss gekommen: - “Jeder muss seinen eigenen Weg für sich finden“ !!! Es gibt kein Patentrezept!!!

Ich kann nur für mich sagen dass es mir sehr geholfen hat und weiterhin hilft mich mit mir auseinanderzusetzen und zu versuchen darauf zu hören was ich, bzw. mein Körper von mir und meinem Leben möchte. Ärzte sind zwar in vielen Dingen Experten und tragen einen erheblichen Teil zu der Gesundung bei, doch was man selbst braucht weiß jeder Körper am besten selbst, man muss es nur verstehen.

Dabei haben mir die Bücher von Carl Simonton: “Wieder gesund werden“ ISBN 3-499-61152-X und “Auf dem Weg der Besserung“ ISBN 3-499-61160-0 sehr geholfen !!!

Ich lebe jetzt seit einiger Zeit so, dass alles einigermaßen im Griff ist, sicherlich auch aufgrund der guten medizinischen Therapie, aber ich bin auch fest der Überzeugung dass ich meinen Teil dazu beigetragen habe. Ich bin zwar auch  noch nicht vollständig geheilt, aber von meinen Grundsätzen wird mich auch kein Rückschlag abbringen können!!! 

Mein Ansatz ist: “Nur wer psychosomatisch gesund ist, ist wirklich gesund“ !

Ich wünsche allen kranken Menschen dass sie ihren Weg aus ihrer Krankheit finden !

Braunschweig, den 19. Juni 2006

 

 
 

Erneutes Rezidiv (Rückfall)

Ausgerechnet als ich mich zum ersten mal entschied, alleine zur Untersuchung nach Frankfurt zu fahren, musste ich von meinem Arzt dort erfahren, dass ich gegen den Leukämieblocker Spycel resistent geworden bin, die Leukämie also zurück kommt. Völlig niedergeschlagen verließ ich die Uniklinik an einem wunderschönen Sommertag. Am Bahnhof gab es einen Studentenaufstand wegen der 500 Euro Regelung, sodass der Bahnhof komplett versperrt war. Ich ging zum Main zurück und verfolgte Gedanken versunken dem WM Spiel Argentinien Holland auf der Großbildleinwand. Ich versuchte mich abzulenken, aber der Gedanke, was wieder alles auf mich zukommen würde war immer präsent und für mich noch gar nicht zu fassen. Ich stand auf der Mainbrücke und Gedanken wie „war es das jetzt, der schöne WM Sommer 2006 nun das Ende?“ oder wie „wär es nicht besser wie in *Knocking on Heavens door* einfach ans Meer zu fahren und warten bis es vorbei ist, gingen mir durch den Kopf. Mein geplanter und lang ersehnter Urlaub für den Spätsommer war geplatzt. Ich sollte möglichst schnell wieder in die Medizinische Hochschule Hannover, um dort wieder mit einer erneuten Chemo Therapie zu beginnen, konnte aber die WM noch bis zum Ende in Freiheit genießen, mit dem bitteren Beigeschmack mit dem was mich erwartete und den ich nicht los wurde.

Ich begann mich mit dem Gedanken abzufinden wieder kämpfen zu müssen, war dankbar dass ich diesen wunderbaren Sommer in einigermaßen gutem Zustand erleben durfte und sammelte wieder Energie. Danach bekam ich von meinem Spender eingefrorene Lymphozyten, Zellen die aggressiver sind um eine Abstoßreaktion zu provozieren, die letztendlich mich angreifen würde aber natürlich auch zum Ziel hat meine Leukämie Zellen zu beseitigen. Die Chemos überstand ich einigermaßen gut, doch dass viele Cortison machte mir zu schaffen. Mein Kopf wurde wieder so dick wie ein Luftballon… Außerdem standen meine so geliebten Lymbalpunktionen (Punktion am Nervenkanal an der Wirbelsäule) wieder an. Diese ging dann auch gleich erstmal schief. Nervenwasser trat aus und ich bekam ganz üble Kopf und Rücken Schmerzen. Ich konnte zwei Wochen nicht richtig sitzen und stehen und hatte heftige Schmerzen. Da ich wusste dass meine Heilungschancen zu diesem Zeitpunkt sehr fragwürdig waren, entschied ich mich nach München zu fahren um mich dort bei einem bekannten Arzt nach alternativen Behandlungen zu erkundigen. Dies erwies sich als sehr ernüchternd. Er versuchte mich für eine sehr gefährliche Transplantation zu gewinnen, alles sehr experimentell wie mir schien, und stellte meine derzeitige Therapie in Hannover in Frage und malte mir schlechte Überlebenschancen aus. Das war wie ein Schlag in die Magenkuhle.

Es folgte eine Zeit voller Angst und Nachdenkens. Ich wusste dass bei meiner nächsten Therapieentscheidung keine Logik mehr helfen würde. Eine Entscheidung mit zwei Möglichkeiten, die eine so schlecht wie die andere. Mir war bewusst, dass beide Wege zum Tod führen könnten. Es wurde viel auf mich eingeredet, Ratschläge wollte keiner geben, dass konnte auch niemand. Wer sollte schon wissen welcher Weg der richtige ist, wenn das noch nicht einmal die Ärzte wissen. Ich bekam Angststörungen, drehte völlig durch und musste deswegen auch auf der Transplantation gewisser maßen ruhig gestellt werden. Ich war auf mich alleine gestellt, aber dass war letztendlich auch gut so. Ich hatte mich wieder gefangen und wusste aus meinen bisherigen Erfahrungen, dass alleine ich für mein Leben die Verantwortung trage und dass es nur darum geht auf mich und meinen Körper zu hören. Ich hörte in mich hinein, die unsensible Art des Arztes aus München und der Gedanke mich weit weg von zu Hause und meiner Familie einer derartig komplizierten und auch nicht unbedingt Erfolgs versprechenden Transplantation zu unterziehen brachten mich zu der Entscheidung meine Therapie in Hannover fort zu führen. Ich hatte eine Entscheidung für mich getroffen, dass war erstmal sehr wichtig für mich. Mir war aber weithin mulmig zu Mute da mir die Sätze des Arztes weiter im Kopf blieben.

Dann, am 2. Januar 2007 wurde mir mitgeteilt, dass nach meinen bisherigen Lymphozytengaben die gewünschte Abstoßreaktion hätte erfolgen müssen. Man hatte mit dieser Benachrichtigung bis nach Weihnachten gewartet, um mir die Feiertage nicht zu verderben. Da ich durch die Chemo Krebsfrei war, wurde ich in einem vertraulichen Gespräch darüber aufgeklärt, dass nun der optimale Zeitpunkt für eine 2. Transplantation gegeben war, so nach dem Motto jetzt oder nie. Denn sobald die Chemo den Krebs wieder zulassen würde, wovon man ausging, wäre eine 2. Transplantation und somit die große Chance verpasst. Da meine Werte gut waren und kein Anzeichen auf Krebs bestanden, lehnte ich über lange Zeit zur Verzweiflung der Ärzte die 2. Transplantation ab und ließ mir vom Spender eine weitere und höhere Dosis Lymphozyten geben. Die Ärzte redeten immer wieder auf mich ein, doch mein Bauchgefühl sagte mir immer wieder, ich muss weiter diesen Weg gehen, ich will keine 2. Transplantion und ich vertraue weiterhin auf die Lymphozyten und dass die Abstoßreaktion doch noch kommt und das richten wird. Mein Bauchgefühl ließ mich wieder nicht im Stich. Einige Zeit später bekam ich zum erstaunen der Ärzte die gewünschte Abstoßreaktion. Erst bekam ich ein leichtes kribbeln in den Beinen, dann fast unerträgliches jucken am ganzen Körper. Nachdem ich dann auch noch ein paar Tage später Fieber und Durchfall bekam, war klar dass die Abstoßreaktion gegen meinen Körper und die Leukämie in vollem Gange war und ich wieder auf die Transplantationsstation musste, um die Reaktion einigermaßen kontrollieren zu können . Der Durchfall wurde immer heftiger und teilweise auch blutig und ich bekam starke Krämpfe im Darm. Dagegen halfen nur noch starke Schmerzmedikamente. Ich wurde immer schlapper, hatte keine Lust mehr zu telefonieren und verbrachte die meiste Zeit Tag und Nacht auf der Toilette, konnte also auch kaum schlafen. In meinen Beinen und Füßen lagerte sich soviel Wasser ab dass es schmerzte und ich dachte meine Füße würden bald zerplatzen. Ich war sehr kraftlos und vertrieb mir den Tag mit Hörspielen. Nach 6 Wochen hartem Krankenhausaufenthalt durfte ich raus. Allerdings war der Darm noch längst nicht in Ordnung. Es dauerte viele Wochen bis mein Stuhlgang wieder einigermaßen in Ordnung war und ich dann dadurch auch wieder zu Kräften kam. In dieser Zeit konnte ich dass Haus kaum verlassen, lief höchstens im Garten etwas hin und her da mein Darm bei jeder Bewegung wieder aktiv wurde und ich wieder aufs Klo musste.

Als ich wieder stabil war, entschloss ich mich erneut eine Reha zu machen, um wieder körperlich fit zu werden. Ich konnte zu dieser Zeit nicht den ganzen Tag wach bleiben, da ich unter dem Müdigkeitssyndrom (Fatigue) litt. Durch die Reha (wieder im Schwarzwald in der Katharinenhöhe) wurde ich diese Müdigkeit los und konnte auch gut wieder Treppen laufen, ohne gleich total aus der Puste zu kommen. Es hätte alles so schön sein können, aber die Abstoßreaktion ging weiter. Nach der Reha kamen meine Augen ins Spiel. Ich hatte Probleme meine Augen zu öffnen und dachte ich hätte mir vielleicht eine Bindehautentzündung geholt. Als die Therapie meines Augenarztes nichts half wurde mir klar, auch dass ist eine Abstoßreaktion. Ich hatte diese Art von Reaktion schon bei anderen Patienten miterleben müssen und dachte immer: “Hoffentlich werde ich davon verschont“! Wenn die Augen an der Abstoßreaktion beteiligt sind, entstehen Risse in der Hornhaut und der Tränenfilm verliert seine schützende Zusammensetzung. Man kann nicht raus gehen, da man die Augen vor Wind und Sonne schützen muss, lesen und fernsehen ist auch nicht möglich. Man ist dann also bei starker Reaktion, wie sie bei mir leider der Fall war und ist, fast Blind und hat dazu noch ein starkes brennen und jucken auf den Augen. Es wurde bei mir wie gesagt immer schlimmer, sodass ich dann auch wie ein Blinder durch die Medizinische Hochschule Hannover geführt werden musste. Dann kam ich in die Behandlung einer Augenärztin, die auf diese Art von Abstoßreaktion spezialisiert hat. Mit ihren Augentropfen, Augengel und Augensalbe für die Nacht wurde es etwas besser. Seit Januar 2008 kann ich nun auch schon mal Abends einen Film sehen, aber auch dass nicht ohne Probleme. Raus gehen ist immer noch schwierig, da jeder Windzug und jedes grelle Licht wieder dazu führt dass ich meine Augenlider nicht mehr öffnen kann und ich wieder viel tropfen muss. Erwartungsvoll blickte ich nun auf den kommenden Frühling und die steigenden Selbstheilungskräfte in der Hoffnung, auch diese schwere Zeit bald hinter mich lassen zu können und wieder ein Beschwerde freieres Leben führen zu können.

 

Das Wort Hoffnung möchte ich nach all den Schilderungen der Ereignisse, die ich versucht habe so genau und schonungslos zu beschreiben, an dieser Stelle noch mal unterstreichen. Wie schon erwähnt gibt es ja auch bei all den Rückschlägen und schweren Zeiten, die dieser Krankheit zu Grunde liegen, die guten Zeiten, die Sommertage, an denen man sich fast so fühlt als wäre nichts gewesen, die immer wieder die Perspektive auf mehr Lebensqualität eröffnen. Daher finde ich es extrem wichtig für diejenigen, die diese Art von Therapie vor sich haben sich durch solche Texte bewusst zu machen dass viel auf sie zu kommen kann, nicht muss, aber der Weg aus der Verzweiflung immer gegeben ist und man auch sehr viel positives für sein Leben mitnehmen kann. Ich führe immer noch ein eingeschränktes Leben, kann nicht arbeiten gehen, bin manchmal von der Gesellschaft und durch meine Augen von vielen Dingen, die ich zu bestimmten Zeiten gerne machen würde etwas ausgeschlossen, kann aber trotzdem sagen ein extrem lebenswertes und in manchen Beziehungen vielleicht sogar gehaltvolleres Leben zu führen. Ich möchte auch gerne erreichen, und dazu hoffe ich kann dieser Text beitragen, gesunden Menschen näher zu bringen, dass eine Leukämie Therapie mehr ist als eine Stammzelltransplantation. Mir entsteht manchmal der Eindruck, dass wenn im Radio eine geglückte Fremdspendersuche verkündet wird einige Leute meinen, der Mensch wäre gerettet, Transplantation und fertig. Dies geschieht auch in manchen Fällen, doch für die vielen anderen möchte ich gerne diesen Eindruck korrigieren. Es hängt oft noch ein ganz großer Rattenschwanz an Nebenwirkungen, sozialer, psychischer und bürokratischer Hürden dahinter, die oftmals auch die ganze Familie belasten können. Dies gilt natürlich auch für andere Krebspatienten. In den Rehas habe ich sehr viel mitbekommen, wie auch andere Schwierigkeiten haben sich in einer Gesellschaft, die von vielen Normen geprägt ist, wieder voll zu integrieren. Das ewige zuhause rumhängen und die damit verbundene Einsamkeit macht es mit den Einschränkungen und den für viele als gering, ernst und vielleicht auch langweilig erachteten Lebensinhalt von Krebspatienten für sie schwer einfach wieder zu sagen „hier bin ich“. Die geänderten Bedürfnisse von Krebspatienten gehen oft auseinander zu denen der gesunden. Das führt dann oft dazu dass diese Bedürfnisse schwer für beide gegenseitig zu erfüllen sind und das gesunde nicht wissen können, was für kranke in bestimmten Situationen richtig bzw. wichtig ist, da das dann nur schwer vermittelbar ist..

 

Dieser Text soll nicht dazu dienen um noch mehr zu beschreiben und zu forcieren wie schlimm und schwierig es doch ist, Leukämie krank zu sein. Er soll vielmehr denjenigen, die gesundheitlich dazu gezwungen sind sich mit diesem Thema zu befassen einen annähernd, wie es mit Worten möglich ist, realistischen Eindruck zu verschaffen, wie es in einem von
vielen unterschiedlichen Fällen gewesen ist. Meiner Meinung nach ist es gut sich damit auseinander zu setzen, vorbereitet zu sein, eventuell Schlüsse daraus zu ziehen und um für sich auf einem langen Weg die richtige Hilfe und Selbsthilfe zu erlangen um eine Methode zu finden , sinnvoll mit diesem Schicksal umzugehen.

Letztendlich habe ich diesen Text natürlich auch für mich selbst weiter vervollständigt, um all diese Ereignisse, die mich geprägt haben und prägen, die zu meinem Leben gehören, fest zu halten, nicht zu vergessen und dran bleibe dies alles weiter zu verarbeiten. Mir fällt oft bei Gesprächen über „die Therapie“ auf, dass vieles gar nicht mehr so präsent ist und mir dann einfällt: „Ach dass war ja auch noch“ oder „die Phase hatte ich ja auch“ und dann erst die Erinnerungsstücke ganz plötzlich zurückkehren. Es gibt Menschen, die wollen dass alles so schnell wie möglich vergessen und am besten nie wieder daran denken. Das ist auch Okay. Aber dazu gehöre ich nicht, da mich diese Zeiten geprägt bzw. weitergebracht haben und ich darin für mich einen nicht unerheblichen Wert entdeckt habe! Des Weiteren bin in gewisser Weise auch Stolz darauf, dass ich das alles gemeistert und hinter mich gebracht habe!

 

Christopher Palm, 10.06.2008